NZZ am Sonntag, 01/2015
EIN PILZ BEDROHT BANANEN WELTWEIT
Gegen den Bodenpilz TR4 sind heutige Bananenpflanzen wehrlos. Fieberhaft suchen Forscher nach einer resistenten Sorte.
Denn die Zukunft der Banane steht auf dem Spiel, seit sich eine Seuche durch die Plantagen rund um den Globus frisst. Verur sacher ist ein Bodenpilz, der unter dem Namen Tropical Race 4, kurz TR4, bekannt ist. 1991 trat er zuerst in Malaysia auf, seit dem zieht er eine Spur der Verwüstung durch Asien bis nach Australien.
«Es ist keine Frage ob, sondern wann er auf unserem Kontinent ankommt», sagt Amorim. «Und wenn er Amerika erreicht, werden die Folgen verheerend sein.» Für die Bananenmultis Chiquita und Co. stehen 95 Prozent der Ernte in Mittelamerika auf dem Spiel, rund acht Milliarden Franken jährlich. In Ecuador, dem weltgrössten Bana nenExporteur, ist die Seuchenprävention Regierungssache. Und dabei geht es nur um eine Bananensorte: die Cavendish, eine Dessertbanane, von der jeder Schweizer im Schnitt zehn Kilo jährlich isst.
Noch verheerender sind die Aussichten für Länder wie Indien und Brasilien. Denn: «Anders als in Ecuador, wo der Hauptteil der Ernte exportiert wird, bleiben bei uns 98 Pro zent im Land», so Amorim. Die meisten sind Kochbananen, aber auch Dessertbananen mit klingenden Namen wie Maravelha oder Caipira. 150 000 Jobs hängen allein in Brasilien an der krummen Frucht. Weltweit drohen durch den Pilz Hungersnöte für eine halbe Milliarde Menschen.Die Banane als Nahrung hat nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch eine dicke Krankenakte. Pilze wie die Gelbe und die Schwarze Sigatoka befallen ganze Plantagen und werden mit immer extremerem Pestizid Einsatz in Schach halten. Bei TR4 liegen die Dinge anders. Er wird über Erdkrumen, Wasser und womöglich durch die Luft über tragen. Er überlebt jahrzehntelange Aus trocknung des Bodens. Pflanzen greift er über die Wurzeln an und lässt sie verwelken. Ein Gegenmittel gibt es nicht.
Aber Labors aus einem Dutzend Länder arbeiten daran. In Brasilien werden seit 1976 neue Bananenarten in Cruz das Almas gezüchtet, einer verstaubten Kleinstadt bei Salvador. «Früher wurden hauptsächlich die Prata und die Maçã angebaut. Aber dann kamen die Pilze, und wir mussten neue Sorten züchten», sagt Edson Amorim. Er schiebt einen Werbeprospekt über den Tisch: «Diese Banane haben wir jetzt gerade vorge stellt: die BRS Platina. Sie ist resistent gegen die Gelbe Sigatoka und die Panamaseuche. Aber leider nicht gegen TR4.»
Schon einmal ist die Bananenindustrie fast untergegangen: Ursache war ebenjene Panamaseuche, ein Vorläufer der TR4. Wo heute in Monokultur jährlich 17 Millionen Tonnen Cavendish geerntet werden, war vor 100 Jahren die Gros Michel die Frucht der Wahl. Bis die Plantagen reihenweise ver welkten. Vierzig Jahre später hatte die Pana maseuche die Gros Michel ausgerottet. Die Cavendish aus China erwies sich dagegen als resistent. Monokulturen sind generell anfällig für Schädlinge. «Im Prinzip wachsen auf einer Plantage Tausende von Klonen. Das ist ein Albtraum für jeden Züchter: Steckt sich eine an, trifft es alle», sagt Amorim (...)