Automobilrevue, 11/2015
NUR EIN KRATZER IM LACK?
Damit war am 5. Dezember Schluss. An jenem Tag lief gegenüber der letzte Opel vom Band, nach zehn Jahren des Verhandelns, Streikens, Hoffens und Wartens wurde das Werk endgültig stillgelegt. «Da gab et viele Tränen», sagt der 79-Jährige. «Bei mia is da auch watt kaputtgegangen.» Und in bester Stammtisch-Manier schimpft er los: «Die Gewerkschaft, die hat datt doch allet kaputtgemacht. Mit dem Betriebsrat. Die wolltn ja nich mit den Löhnen runter. Sonst wär’ et noch bis 2016 gelaufen. Und die Belegschaft, die hat die Füsse still jehalten.»
Sie: «Der Dario, der geht doch getz nach Rüsselsheim.»
Er: «Der is ja noch jung und ledig, der kann datt machen.»
Er: «Aber viele haben doch hier’n Haus. Die können doch nich so einfach wech.»
Sie: «Der Wolfgang hat zu mir gesacht, bei DHL, da könnt’ ich für 11 Mark (!) anfangen.»
Er: «Hier wird’s bald nur noch 8-Euro-Jobs gebn.»
Was wie das Ruhrpott-Theater der Kneipenweisheiten klingt, umreisst die düstere Geschichte in Bochum-Laer, wo Einzelhändler schliessen, der Kirche der Pfarrer fehlt und die Rocker der Bandidos residieren. Dabei tönt es in der Regionalpolitik seit Jahren, dass man im Ruhrgebiet Strukturwandel könne. Auf einem Symposium des Duisburger Centers for Automotive Research im Februar noch pries die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz an, wie erfahren die Stadt darin sei, strukturellen Veränderungen zu begegnen. Man werde auch der Schliessung des Opel-Werks kämpferisch begegnen. Opel hinterlasse eine riesige Fläche inmitten eines strategisch hochinteressanten Wirtschaftsgebietes, warb Scholz. Man sei gerade dabei, Perspektiven für die Nutzung zu entwickeln. Perspektive 2022 heisst das Projekt, und das Land Nordrhein-Westfalen steuert 32,2 Millionen Euro zur Erschliessung bei. Die Posttochter DHL ist wohl interessiert, und Opel will ein Teile-Lager behalten. «Dieser Ansatz ist halbherzig», findet Ferdinand Dudenhöffer. «Das langt gerade einmal, um die Fläche zu planieren», sagt der Direktor des Centers for Automotive Research in Duisburg und Veranstalter jenes Symposiums.
Halbherzig? Das wäre für Volker Steude noch hoch gegriffen. «Wir leben in Bochum in einem permanenten Finanznotstand», sagt der Ökonom und Stadtrat. «Bäder werden geschlossen, Häuser verfallen, Schulen schliessen. Und dann heisst es: Jetzt bauen wir ein Konzerthaus für 33 Millionen. Das ist pure Hilflosigkeit.» Und die berüchtigte Rockergruppe Bandidos mitten in Laer? «Das ist das Ende für einen Stadtteil.» Hört man Steude zu, könnte man glauben, Bochum sei auf dem besten Weg, ein zweites Detroit zu werden. Und der Ökonom steht mit seiner Meinung nicht alleine. Dass es ein Fehler war, in der Stadt Bochum nach dem Kohle- und Montanboom der 60er noch einmal auf nur einen Arbeitgeber zu setzen – eben Opel –, kann man sogar im Diercke-Schulatlas nachlesen. Damals, der Kohlebergbau war längst am Ende, protestierte die Bergwerks-Lobby aber selbst gegen diesen Plan.
Fünfzehn Jahre später waren fast alle Zechen geschlossen, und Opel beschäftigte mehr als 20 000 Mitarbeiter. «Ignoranz, Bequemlichkeit und falsche Prioritäten bescheinigt das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» den Entscheidern in einem Artikel von 2013. «Trotzdem wird das Zechenerbe gefeiert wie ein Kulturgut», erklärt Steude. «Heute noch laufen hier Paraden der Bergarbeiter durch.» Dabei steht in Sichtweite des Opel-Werks die Ruhruniversität mit mittlerweile 43 000 Studenten. «Aber die hat man bis vor zehn Jahren überhaupt nicht wahrgenommen. Bochum sollte längst mehr Universitäts- als Arbeiterstadt sein. Gegen den damit verbundenen Bewusstseinswandel hat man sich aber lange regelrecht gewehrt.»
Auch Stefan Bratzel hält eine Verarmung der Gebiete um das Bochumer Opel-Werk durchaus für möglich. Der Leiter des Center of Automotive Management an der Fachhochschule Bergisch Gladbach verweist auf die Folgen für Zulieferer und umliegende Infrastruktur. Neben den fast dreitausend Entlassenen sind – je nach Statistik – bis zu 40 000 Menschen von der Werkschliessung betroffen. Das ist beinahe jeder siebte Einwohner von Bochum. (…)
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