brand eins, 08/2017
Sehr locker, diese Schweizer
Wie führt man unersetzliche Mitarbeiter? An der sehr langen Leine. Ein Besuch beim Schweizer Familienunternehmen Piega.
Die Werkstatt ist das Zentrum des Schweizer Lautsprecher-Herstellers Piega, und was Ballabio gerade herstellt, ist die wichtigste Komponente jeder Box, der Schallwandler. Traditionell besteht er aus einer schwarzen Papiermembran. Anders bei Piega: Die Firma verwendet dafür Alufolien, die dünner sind als ein Haar – sogenannte Bändchentöner. Ballabio ist einer von nur zwei Angestellten, die sie überhaupt produzieren können. Und zwar mit der sprichwörtlichen Präzision eines Schweizer Uhrmachers, der Ungenauigkeiten auch dann noch erfühlt, wenn man sie kaum messen kann.
Was aussieht wie ein simpler Arbeitsablauf, erfordert jahrelange Übung und Zen-gleiche Ruhe. Jede noch so winzige Abweichung würde man sofort hören. „Entweder die Folie sitzt oder sie ist Ausschuss“, sagt der 50-Jährige und rechnet nach: Mehr als zehntausend solcher Bändchen hat er in seinen 16 Jahren in der Firma schon gefertigt. Das klingt nach Straflager.Aber gerade weil die Arbeit so aufreibend ist und die gesamte Firma mit ihren 20 Mitarbeitern (ab 1. August werden es 23 Mitarbeiter sein) davon abhängt, zwingen ihn seine Chefs nicht zu geregelten Arbeitszeiten. Zur Entspannung lässt sich der ehemalige Surfprofi gern den Sturm auf dem Wasser um die Nase wehen. Ballabio setzt seine schwarze Strickmütze auf und nimmt sich eine Zigarette: „Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um hier oben zu arbeiten.“Von „oben“ geht es über eine steile Holzstiege und eine stählerne Wendeltreppe zwei Etagen tiefer in die Haupthalle des ockerfarbenen Zweckbaus. Nichts strahlt hier den Glanz einer Firma aus, die die Hifi-Welt revolutioniert hat; die Boxen produziert, deren Klang selbst versierten Audiofreaks die „Nackenhaare hochgehen“ lässt, wie eine Schweizer Zeitung schreibt. Stattdessen stapeln sich Kartons im Gang und auf Regalen, Motorradposter hängen an den Wänden, ein Arbeitstisch steht an der Fensterfront. Es sieht aus wie in einer Garage, in die gerade ein Start-up-Unternehmen einzieht.
Mittendrin steht Firmenchef Kurt Scheuch: Fotografenweste, Shorts, Sneakers und lange graue Haare. Halbherzig entschuldigt sich der Mittsechziger für die Unordnung. Mit Marketing und Werbung habe er nichts am Hut, er sei Techniker.
Das Wort Freak trifft es allerdings besser: Von der Laufbahn eines Technikers bog er schon in den Achtzigern ab, als er sein Maschinenbaustudium schmiss. Damals, als mobile Musik aus Ghettoblastern kam und gute Boxen groß und laut sein mussten, jobbte Scheuch in einem Hifi-Geschäft, bastelte abends an Boxen und träumte von der Revolution in der Klangwelt. (...)