Bilanz, 11/2013
CHRIS BANGLE UND WIE ER DIE WELT SIEHT
BMW ohne Chris Bangle? Klar, das läuft. Sieht man ja auf der IAA. Aber Chris Bangle ohne BMW? Das ist nicht so klar.
Nachdem Bangle vom Bayerischen Olymp gestiegen war, hat er eine Bank gebaut. Mitten ins Piemont. An einem Weinberg, kaum zwei Autominuten nördlich des kleinen Örtchens Clavesana. Bei gutem Wetter kann man von hier aus das Monte Rosa Massiv sehen. Bei jedem Wetter sieht man die Bank. Nicht nur, weil sie signalrot gestrichen ist, sondern weil sie dreimal so groß ist wie eine normale Parkbank. Ein überlebensgroßer Sitz zum Ausruhen für die Götter. Die Bangle-Bank. „Na ja“, gibt er zu, „das ist keine wirklich neue Idee. Aber bekanntes neu in Szene setzen hat auch seinen Reiz.“ Doch ausruhen, Chris Bangle?
Kaum hundert Meter entfernt, oberhalb des Weinbergs, sitzt er jetzt auf einer normalen Holzbank hinter seinem neuen Haus. Sengende Hitze erdrückt den Vorplatz, kein Lüftchen regt sich - und Bangle sieht gar nicht göttergleich aus: Poloshirt, Khaki-Shorts lila Turnschuhe. Nun gut: Auf die typische Designer-Kleiderordnung hat er noch nie wert gelegt. Statt schwarz auf schwarz konnten seine Schlipse nie bunt genug sein. Aber unnahbar, ätherisch, abgerückt, wie Götter sich nun mal so geben? Keine Spur: Aufgeregt wie ein Kind vor Weihnachten ist er durch sein neues Reich gesaust, hat gezeigt, wie er seine neue Bleibe einrichtet.
Nach langer Suche hatten seine Frau und er vor fünf Jahren diesen runtergekommenen Resthof namens Borgata Gorrea angeboten bekommen. Eine stinkende Ruine auf einem Hügel, halb versteckt zwischen Weinbergen, aber mit grandioser Aussicht, erzählt er.
Nach und nach kauften sie zwei Gebäude und bauen sie jetzt zur Wohn- und Arbeitswelt aus. Ein Haupthaus mit zweistöckigem Wohn-Ess-Saal und riesigem Panorama-Fenster. Ein Nebenhaus, in dem sich das entwickelt, was Bangles Zukunft werden soll. Über drei Stockwerke türmt sich hier alles, was er für nützlich und inspirierend hält. Plüschtiere, Modellautos, Bücher und Trophäen. Das sei lange nicht alles, sagt seine Frau Christine, „in der Garage (unterirdisch angelegt, 130 Quadratmeter groß) stehen hundert Kisten, die noch gar nicht ausgepackt sind.“ Bangle hat nichts weggeworfen aus seinem alten Leben: „Man könnte ja doch noch irgendwann irgendetwas brauchen.“
Jetzt genießt er die Nachmittagssonne, schenkt sich ein Glas eiskalten Rosé ein vom Winzer nebenan, der in Personalunion auch Bürgermeister ist. Hier also, in der Wiege von Slow Food und Barolo Wein, brütet er über riesige rote Bänke, runde Tischtennisplatten und architektonische Kniffe. Experimentiert mit Optik und optischen Täuschungen am Haus. Säulen wirken von einer Seite filigran, von der anderen wie Brückenpfeiler. Ein Aufgang könnte von M.C. Escher gezeichnet sein, ein anderer von Frank Lloyd Wright. Einen Pool, geformt wie ein „T“, dessen Arme sich an das Haus schmiegen, während der Stamm wie eine Rampe gen Horizont ragt, Meterweit über der Leere des darunter liegenden Abhangs. Eine gewagte Konstruktion. Alles ist kaschiert mit Sichtblenden oder abgeschirmt durch Mauervorsprünge - keiner der Nachbarn soll Anstoß nehmen an seinen Eskapaden in Zement und Beton.
Aber mal ganz ehrlich: Bangle Bank, Bangle Bauernhof, Bangle Ping Pong Platte und Bangle Schwimmbad. Ist das das Leben des Designers im Jahr Vier nach BMW? (...)